Burning In Birmingham


Review by Tigerman

1976 war für Elvis ein eher durchwachsenes Jahr. Sein Album "From Elvis Presley Boulevard, Memphis, Tennessee" verkaufte sich nur mittelmäßig, gesundheitlich ging es bergab und auch im Privatleben lief es nicht immer reibungslos. 1976 gab Elvis in Las Vegas einige Konzerte, die man wohl im unteren Drittel einordnen dürfte. Am 27. Dezember brach Elvis jedoch zu einer 5 Städte Tour auf, die die Zuhörer damals wie heute entfesseln sollte. Konzerte wie beispielsweise in Dallas, Birmingham oder die New Year's Eve Show in Pittsburgh rissen das Publikum aus ihren Sesseln. Ich möchte mit dieser Review einen genaueren Blick auf das Konzert des 29. Dezember 1976 im Civic Center (Birmingham) werfen.

18056 Fans jubelten ihrem King auch an diesem Abend frenetisch zu, als er auf die Bühne trat. Schon an den ersten Momenten lässt sich erahnen, wie der Abend laufen wird. Die Band spielt beschwingt und erfreulich frisch, die Fans sind lauter als gewöhnlich. Nach einem eher langem Abschreiten der Bühne schreit Elvis ein beschwingtes, kraftvolles "Oh SEE" heraus und beginnt mit seinem Standartopener, "See See Rider". Ungewöhnlich, dass Elvis bei diesem Song engagiert agiert.... Er untermalt seine Performance mit ungewöhnlich vielen Zwischenbemerkungen, einzelne Textstellen schreit er mehr ins Publikum, als dass er sie singt. Er steigert sich immer mehr hinein, eine wahre Freude, diesen Song mal nicht gelangweilt dargeboten zu bekommen. Für mich eine der besten Versionen überhaupt.

Auf "See See Rider" folgt wie meist "I Got a Woman/Amen" .. Elvis verzichtet auch bei diesem Konzert nicht auf sein "Weeeeell" Spielchen, schade eigentlich, denn ich könnte da gut drauf verzichten. Auch bei diesem Song ist die überschäumende gute Laune vom King zu bemerken, so hat man ihn schon lange nicht mehr erlebt .. er legt sich richtig ins Zeug, an einigen Stellen glaube ich sogar, den 70-Elvis von That's the way it is zu hören, das (she's my) "Babe. Babe" ist ungewöhnlich hoch angesetzt. "Amen" kann mich wie immer nicht so richtig überzeugen, eine durchschnittliche Version .. bei der Sprechpassage haben wir das von "Elvis In Concert" bereits bekannte Bass/GitarrenSolo in einer kurzen, dennoch engagierten Version .. es folgt natürlcih "go J.D." .. nach 6 Minuten wird dann "I Got A Woman" beendet, interessant zu bemerken, dass Elvis am Schluss ins Falsett geht, "uhhhh", wie man es von "Unchained Melody" bei Elvis In Concert kennt.

Nach einer Begrüßung des Publikums (er stellt sich mal wieder als Glen Campell vor) folgt ein durchschnittliches "Love me" ohne besondere Vorkommnisse, abgesehen davon, dass Elvis auch hier nicht sooo lustlos wirkt wie bei manchen anderen Auftritten, ab und zu spielt er mit dem Text, das "YEAH" am Schluss parodiert er mit einer unnatürlichen Dehnung des Akkordes und mehrfacher Wiederholung "YEAH LORD OH YEAH LORD YEAH YEEEEAAAAH".

Nach diesem Song folgt mein persönlicher Favourite, "Fairy tale", eine gute, allerdings etwas lustlos wirkende Performance, ab und zu fällt er aus der Stimmung des Songs und gibt Zwischenbemerkungen ab, interessant ist, dass er an einer Stelle vom Text abweicht. Statt "There's no need explainin' anymore" .. singt Elvis "There's no need explainin' - how I did", hier kann erkennen , wenn man möchte, dass der Song an einigen Stellen durchaus autobiographisch zu interpretieren ist. Generell jedoch eher eine durchschnittliche Darbietung, ebenso wie das folgende "You gave me a mountain". Bezeichnend, dass dieser Song bei eher schlechteren Konzerten oftmals einer der wenigen Lichtblicke ist, bei genialen Shows aber eher lustlos dargeboten wird, so auch hier im Civic Center. An einigen Stellen lahmt der Song etwas, er kommt nicht in die Stimmung, eher eine unterdurchschnittliche Performance, die nur gegen Ende etwas lebhafter wird.

"My third movie I did was called Jailhouse Rock". Eine typische 76-77 Version, die Stimme klingt eher rauchig, wie gewohnt eine teilweise gnadenlose Selbstparodie, ob bewusst oder nicht, steht in den Sternen .. .. die Fans peitschen Elvis dennoch nach vorne, er gibt alles, eine sehr lebhafte Aufnahme. Erwähnenswert scheint mir auch ein geniales Schlagzeug zu sein, noch (!) besser als gewöhnlich!

Nun folgt ".. In 1960 we did a song called "It's now or never", and it was taken from the italian song "O Sole Mio" (Elvis braucht eine Zeit, bis er das gesagt hat, da er von kreischenden Fans unterbrochen wird). Sherill Niellson singt wie gewöhnlich O Sole Mio (mehr oder weniger) auf italienisch, Elvis beginnt jedoch direkt, ohne die gewöhnlichen 4 Takte Instrumental, mit "When I first saw you...". Leider ist das Tape an dieser Stelle beschädigt, deshalb wird ausgefaded, und erst direkt am Ende wieder reingeschnitten, hier ist Elvis wieder ganz auf der Höhe und stürzt sich mit ungewöhnlicher Power in den Schlussakkord, leider geht ihm am Ende etwas der Atem aus ...

Elvis redet nun etwas mit den Fans, bevor er "Trying to get to you" ansagt, einer meiner persönlichen Lieblinge (schon wieder ). Auch hier ist Elvis' gute Laune offensichtlich, er stürzt sich wie ein kleines Kind auf die verschiedenen "Powerstellen" in diesem Song, munter singt er die Tonleiter rauf und runter, eine Freude, dem King, und hier kann man wirklich vom King sprechen, zuzuhören. An einigen Stellen wirkt Elvis jedoch etwas hektisch, manchmal reicht sein Atem noch nicht ganz, dennoch eine großartige Version.

Danach geht es direkt weiter mit My Way ("If you don't mind I'd like to do a song called MY Way (komisch, dass er das My absichtlich betont)"), er muss die Lyrics vom Blatt ablesen, wie es oft in 1977 und gegen Ende von 1976 der Fall war. Elvis redet während My Way ab und zu mit den Fans und seiner Band, meiner Meinung nach eine Seltenheit, da er den Song meist mit vollem Ernst und höchster Kozentration dargeboten hat. Gegen Ende des Songs erinnert das Arrangement mehr an die AlohaVersion von 1973 als an die 1977 "Elvis In Concert" Version, ausnahmsweise trifft er den Schlusston (nicht unbedingt stimmlich, aber vom Timing her) - auch ohne die unpassende Pause, die er ab und an, auch bei "Elvis In Concert", einlegte.

Es folgt "Polk Salad Annie". Diese Version hört sich anfangs nur durchschnittlich an, gegen Ende jedoch stürzt sich Elvis auch hier mit vollstem Vergnügen in den Song und schreit mehr, als er singt. Bei der ersten Bridge singt Elvis ein vollkommen rares "Yeah, yey,yay,yeah,yeah,yey, all right, über den Instrumentalpart. Gegen Ende schreit er noch ein "Wake up babe wake up" über den Song, und fertig ist eine perfekte 1976 Version, die mitreißt!

Danach folgen die Band Introductions, angefangen mit den Sweet Inspirations ("I think you're fantastic"), es folgen Kathy Westmoreland und John Wilkinson, der sogleich mit seinem "Solo" Early mornin' rain beginnt. Von Elvis sehr gefühlvoll vorgetragen, besonders die Textzeile "aching in my heart". Der King singt interessanterweise den Text komplett, er lässt nicht den zweiten Teil aus (er sagt sogar extra: "One more verse"), wie es oftmals der Fall war. Etwas störend ist, dass Elvis diesen Song zur Hilfe nimmt, um immer tiefere Töne aus seiner Lunge hervorzupressen. Nun folgte James' Solo "What I'd say", der Chor von "What I'd Say" klingt leider furchtbar verpeilt, meiner Meinung nach ist das Charlie Hodge, Elvis setzt sich jedoch etwas mehr ein als gewöhnlich. Bei James' zweiten Solo, "Johnny B. Goode", spielt James die Gitarre hinter seinem Kopf. Leider keine sehr gute Version, wie generell in späten Jahren. Dies ist ein Song, der im Laufe seiner Jahre immer mehr seiner ursprünglichen Klasse eingebüst hat - schade. Ronnie's Drumsolo kündigt er mit "I wanna hear himself, too" an, es folgen Jerry Sheef ("Play the blues, Jerry") und Tony Brown. Es folgt ein Synthesizersolo von Tony Brown .. Elvis weist darauf hin, dass Tony Brown bei ihrer ersten gemeinsamen Session den Song "Love Letters" aufgenommen hatten und stürzt sich schon in eine melancholische und schwermütige Version, entspannend, dass ein Chor mal komplett fehlt. Hat man selten bei Elvis-Songs. Gegen Ende wird Elvis lebhafter, verliert etwas seinen Ernst und verändert den Text "Oh right somewheeeere from the start". Er stellt Charlie vor, es folgt das Jokers Joe Orchestra. Elvis singt schon bei den ersten Akkorden "Hail Hail rock'n'Roll" mit und liefert insgesamt auch eine lebhafte Performance ab.

Vor dem nächsten Song bittet Elvis, dass Saallicht anzumachen, was vom Publikum frenetisch bejubelt wird. Wie in '72 singt Elvis "Funny how time slips away", und ich weiß, ich wiederhole mich, wenn ich sage, dass dieser Song einer meiner persönlichen Favouriten ist . Leider fehlt Elvis an einigen Stellen die vom Madison Square Garden bekannte Power in diesem Song, er spricht viel mit den Fans, einige Töne trifft er nicht genau, einer eher schlampige Version dieses schönen Songs, gegen Ende begibt er sich auch hier in die untersten Regionen seines Stimmumfangs.

Es folgt Hurt, eine sehr engagierte Verison wie immer, ich denke es gibt von diesem Song einfach keine schlechte Version, die traurige Stimmung wird von dem gut gelaunten King an einigen Stellen mit Nebenbemerkungen wohl bewusst gehoben. Nach dem Ende meint er jedoch, dass man den Song auch noch besser machen kann ("can we do the last part again, we can do it better"). Nun gibt er viel Stimme, teilweise sogar übertrieben viel, ein wahrer Genuss anzuhören, auch das Ende "Lord-a-hurt-a-YOU"...

Zu "Hound Dog" sind nun nicht wirklich viele Worte zu verlieren, eine gewöhnliche Version dieser Zeit, mit etwas Selbstparodie, trotz allem noch begeisterte Fans, einem lustlosen Elvis, einem verzögertem Ende .. eben das Altbekannte.

Er stürzt sich in "For the good times", unterbricht aber ("stop it, man") und beginnt mit einer traumhaften Version, er stachelt die Fans zum Mitsingen/Mitschunkeln an (come on, come on, can't hear you).. die Band verlangsamt an einigen Stellen etwas zu stark, genauso wie der König höchstpersönlich.

"The first time ever I saw your face" - bei diesem Song, bei dieser Version scheiden sich die Geister. Die Meinungen gehen von "traumhaft schön" bis "schauderhaft kitschig und strange". Man merkt, wie sich Elvis in diesem Lied verliert, wie er geradezu verliebt in diesen Song ist .. traumhaft schön .... großartig ist auch eine Stelle in der Mitte, wo nur noch David Briggs mit einem "Glockenspielklang" am Synthysizer spielt .. und der King dazu singt .. klingt wie ein Gute-Nacht-Lied für Lisa, als wäre Elvis ganz melancholisch, für sich .. der Song nimmt wieder zu mit den bekannten "Wo-ho-ho" Akkorden .. und es kommt zum grande finale.

Plötzlich schreit Elvis "Mystery Train, take it out babe" .. James beginnt sofort mit den aggressiven Gitarrenakkorden und Elvis singt mit einer nahezu jugendlichen Stimme "Train I ride , sixteen coaches long" .. bei "Mystery Train" erinnert der King sowohl an die 50s Version, als auch an die TTWII Version, klingt jedoch keinesfalls wie ein alternder Rockstar, der zu einer Parodie seiner selbst verkommen ist und nur noch 8 Monate zu leben hat .. Gitarrensoli begleitet er mit kindlicher Freude: "Uuuuuh-- " .. so rockig klang der King schon lange nicht mehr, auch das Arrangement ist rough, rauchig und rockig!

Nun folgt eine Version von "Unchained Melody", Elvis erklärt zuvor, dass er noch nie auf der Bühne Piano gespielt habe. Der Song ist wie immer wunderbar, das Publikum ist überwältigt. Nüchtern gesehen muss man jedoch sagen, dass Elvis noch die Sicherheit fehlt, die er in den letzten Monaten seines Lebens noch entwickeln sollte .. an einer Stelle verspielt er sich katastrophal, und sagt sich selbst ins Mikro: "G-G-G" .. (gemeint ist der G-Akkord [Überraschung]). Die Band setzt an einigen Stellen ein, unnötig, wie ich finde, obwohl Elvis mit vollem Eifer dabei ist, fehlt im wie gesagt die Routine, die er in den letzten Monaten noch entwickeln sollte.

"Until we'll meet you again, adios" - und schon sind wir mit Can't Help Falling in Loveam Ende dieses großartigem Konzertes angelangt. Auch bei diesem Song fällt auf, dass Elvis überdurchschnittlich motiviert ist, es fehlt ihm aber etwas die Kraft, gegen Ende schafft er es jedoch noch, ein kräftiges "YEAH" in die Menge zu brüllen - und weg war der King.

Fazit: Ein grandioses Konzert, dass wohl zu den besten des Jahres 1976 gehört. Elvis wirkt motiviert und ist bemüht, das Beste zu geben ... auch die Setlist enthält einige Besonderheiten, so dass man schlussendlich von einem erhebenden Konzerterlebnis auch für den Hardcorefan sprechen kann.